Johannes Reuchlins, Bibliothek gestern & heute

Vortrag
Matthias Dall’Asta
von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Reuchlin-Forschungsstelle Pforzheim
zur Eröffnung der Ausstellung am Sonntag, 9. September 2007 im Stadtmuseum Pforzheim

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Wer Bücher stiehlt oder ausgeliehene Bücher zurückbehält, in dessen Hand soll sich das Buch in eine reißende Schlange verwandeln. Der Schlagfluß soll ihn treffen. Laut schreiend soll er um Gnade winseln, und seine Qualen sollen nicht gelindert werden. Bücherwürmer sollen in seinen Eingeweiden nagen. Und wenn er die letzte Strafe antritt, soll ihn das Höllenfeuer verzehren auf immer.“ 1

Diese schrecklichen Drohungen aus der Bibliothek des Klosters San Pedro in Barcelona habe ich aus zwei Gründen an den Anfang meiner Ausführungen gestellt. Zum einen zur Beruhigung anwesender Vertreter derjenigen Bibliotheken, die dankenswerterweise einige ihrer Bücherschätze nach Pforzheim ausgeliehen haben: Sie sollen wissen, daß man sich hier der Gefahren solcher Entleihungen durchaus bewußt ist und daß zum Schutz der uns anvertrauten Bücher alles nur Erdenkliche getan und eingesetzt wird, mittelalterliche Bannflüche ausdrücklich inbegriffen. Zum andern soll das Zitat aber auch dokumentieren, welche schier unauslotbaren Emotionen mit Büchern seit jeher verknüpft waren und verknüpft sind.

Die moderne und weitestgehend alphabetisierte europäische Gesellschaft läßt sich grob in zwei Gruppen einteilen: in Bibliophile und Bibliophobe oder zu deutsch in „Bücherfreunde“ und „Bücherfeinde“. Da Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, sich heute morgen hier zu einer Ausstellung zu Reuchlins Bibliothek eingefunden haben, darf ich wohl annehmen, daß Sie mehr oder weniger alle eher der Species der Bibliophilen zugehörig sind.

Bibliophile bilden aber keineswegs eine völlig homogene Gruppe. Dies belegt schon ein kurzer Blick in den Fremdwörter-Duden, wo sich so seltsame Wesen tummeln wie der Bibliomane oder „Büchernarr“, der Bibliophage oder „Bücherfresser“, der „Biblioklast“ oder „Buchzerstörer“ und der Bibliotaph oder „Buchbestatter“. Bei diesen Wesen handelt es sich gleichsam um gefallene Engel, um Bücherfreunde, deren Bibliophilie sich bis ins Krankhafte gesteigert hat, so daß sie Bücher sammeln wie der Teufel Seelen, daß sie Bücher verschlingen wie Fast Food, daß sie Bücher zerschneiden, um wenigstens einzelne Seiten zu besitzen, oder daß sie ihre Bücher derart hermetisch unter Verschluß halten, daß diese für den Rest der Menschheit gestorben sind.

Es ist völlig klar, daß auch Johannes Reuchlin bibliophil war. Ob er seine für einen promovierten Juristen, Anwalt und Richter unabdingbare Sammlung an Rechtsliteratur sonderlich geschätzt hat, das wissen wir nicht. Als Humanist aber hat Reuchlin zeitlebens lateinische, griechische und hebräische Handschriften und Drucke gesammelt, ohne die seine bahnbrechenden Leistungen auf den Gebieten der Philologie und der Philosophie nicht möglich gewesen wären. Und diese Bücher hat Reuchlin, das wissen wir genau, hingebungsvoll studiert und geradezu zärtlich geliebt. Und eben diesen Büchern ist die heute eröffnete Ausstellung gewidmet.

In den folgenden zwanzig Minuten möchte ich Ihnen zunächst zwei sehr naheliegende Fragen beantworten:

1. Warum zeigt das Stadtmuseum überhaupt eine Ausstellung zu Reuchlins Bibliothek?
und
2. Was erwartet Sie in den einzelnen Museumsräumen?
Im Anschluß daran möchte ich
3. einige Schlaglichter auf Reuchlins ganz besondere Beziehung zum Buch werfen. Und am Ende meiner Ausführungen werde ich mir dann
4. noch ein paar persönlich gefärbte Bemerkungen zu Reuchlins Büchern erlauben.

(1.) Zur ersten Frage:
Wozu dient die Ausstellung zu Reuchlins Bibliothek und welche Zielgruppe will sie erreichen? Zunächst einmal soll die Ausstellung natürlich über Johannes Reuchlin informieren: Der größte Sohn der Stadt Pforzheim soll insbesondere (aber nicht nur) der regionalen Öffentlichkeit ein Stück näher gebracht werden. In der Vergangenheit hat es in Pforzheim bereits mehrfach Reuchlin-Ausstellungen gegeben: Im Oktober 1955 zum 500. Geburtsjahr des Humanisten die umfassende Schau „Reuchlin und die Kunst seiner Zeit“ im Industriehaus am Leopoldsplatz, im Winter 1986/87 die Ausstellung „Johannes Reuchlin Phorcensis. Ein humanistischer Gelehrter“ im Reuchlinhaus und zuletzt im Frühjahr 2005 die Ausstellung „Zu seiner Zeit ein Wunderzeichen: Johannes Reuchlin aus Pforzheim“ hier im Stadtmuseum.

Warum nun nur zwei Jahre später am gleichen Ort eine neuerliche Ausstellung mit dem Titel „Johannes Reuchlins Bibliothek gestern & heute“? Der Anlaß war ein doppelter: Ende 2006 wurde mit dem Wiederaufbau des Reuchlinkollegs an der Pforzheimer Schloßkirche begonnen, in dem Reuchlins nachgelassene griechische und hebräische Bücher von 1522 bis 1565 untergebracht waren, bevor sie über Durlach in die heutige Badische Landesbibliothek nach Karlsruhe gelangten. Fast gleichzeitig wurden im Herbst 2006 Pläne der baden-württembergischen Landesregierung bekannt, wonach große Teile der Handschriftensammlung eben jener Badischen Landesbibliothek verkauft werden sollten. Damit wären aber auch Reuchlins noch erhaltene hebräische Handschriften vom Ausverkauf bedroht gewesen. In solch einer Situation lag es nahe, mit der entsprechenden Vorbereitungszeit eine Ausstellung zu Reuchlins Bibliothek zu zeigen, um auf diese Weise die ursprüngliche Nutzung des Reuchlinkollegs als Bibliotheksraum zu illustrieren und zugleich auch die historische Bedeutung und Unersetzlichkeit der Karlsruher Handschriftensammlung am Beispiel ihrer Reuchliniana zu verdeutlichen.

Aus aktuellem Anlaß hat die gegenwärtige Ausstellung also ein vergleichsweise enges, für Reuchlin und die Kultur der Renaissance jedoch nichtsdestoweniger zentrales Thema: Bücher. Aber taugt ein solches Thema als Publikumsmagnet? Zur Beantwortung dieser Frage muß ich etwas ausholen: Vor ein paar Wochen stieß ich in verschiedenen Zeitungen auf die Meldung, daß die italienische Polizei in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Universität Bologna die Gebeine von Giovanni Pico della Mirandola und Angelo Poliziano in Florenz exhumieren ließ. Nach mehr als 500 Jahren soll endlich geklärt werden, ob diese beiden von Reuchlin sehr geschätzten, im Jahre 1494 aber kurz nacheinander verstorbenen Humanisten infolge der Syphilis oder aber durch Gift ums Leben gekommen sind. Auf diese Weise möchte man dem alten Gerücht auf den Grund gehen, wonach der eifersüchtige Renaissance-Philosoph Marsilio Ficino, auch er ein Weggefährte und Briefpartner Reuchlins, etwas mit dem Tod der beiden jungen Humanisten zu tun gehabt habe. 2 Das ist natürlich sex and crime pur, und so verwundert es nicht, daß die Arbeit der italienischen Anthropologen und Rechtsmediziner von einem Fernsehteam begleitet wird.

Wie Sie sehen, hat das in dieser Pforzheimer Ausstellung behandelte Zeitalter der Renaissance also auch nach 500 Jahren noch nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben. Und weil Wissenschaft und Kriminalistik bekanntlich ganz wesentlich auf der Kunst beruhen, scheinbar unzusammenhängende Fakten und Indizien zu kombinieren, möchte ich heute morgen an dieser Stelle eine nicht unplausible Hypothese wagen: Vielleicht sind Pico und Poliziano so jung verstorben, weil sie aus der Bibliothek des Klosters San Pedro Bücher entwendet haben und deshalb dem eingangs von mir zitierten Bannfluch des Bibliothekars zum Opfer gefallen sind? Vielleicht liegt der Schlüssel zu den vermeintlichen Morden in der Klosterbibliothek – so wie schon in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“, der daher im Rahmenprogramm dieser Ausstellung ganz bewußt noch einmal eingehend beleuchtet werden wird. Wenn diese kriminalistische Spur jetzt nicht als Publikumsmagnet taugen sollte, dann besäßen die Gesetze der Physik wohl keine Gültigkeit mehr.

(2.) Aber nun endlich zur zweiten Frage:
Welche Exponate erwarten Sie im alten Pfarrhaus? In den zentralen Räumen zwei und drei der Ausstellung sind zahlreiche kostbare Handschriften und alte Drucke zu sehen, die aus Reuchlins einstigem Besitz stammen und dem Pforzheimer Stadtmuseum von Bibliotheken in Basel, Frankfurt am Main, Heidelberg, Karlsruhe, München, Stuttgart, Tübingen und Würzburg für zwei Monate zur Verfügung gestellt worden sind. Unter diesen Büchern befinden sich so herausragende Stücke wie der über einen halben Meter hohe Pergamentcodex der hebräischen Bibel, den Reuchlin 1492 von Kaiser Friedrich III. als Geschenk erhalten hat, oder wie die aus dem 12. Jahrhundert stammende illustrierte Handschrift des griechischen Neuen Testaments, die Reuchlin auf Lebenszeit aus dem Basler Dominikanerkloster entleihen durfte.

Zu fast jedem dieser Bücher gibt es eine kleine Geschichte zu erzählen: Wie und wo Reuchlin das Buch erworben hat, wozu er das Buch benutzt hat, oder welche Wanderungen das Buch nach Reuchlins Tod antreten mußte. Diese kleinen Geschichten können in dem zur Ausstellung erschienenen Katalog im einzelnen nachgelesen werden. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle einfach raten: Betrachten sie die Bücher, von denen die ältesten rund 900 und die jüngsten rund 500 Jahre alt sind, und lassen Sie sich von ihrer Aura anrühren. Wenn Sie nicht gerade – wie Reuchlin selbst – Altphilologe und Hebraist in Personalunion sind, wird Ihnen bei der Betrachtung der Bände manches fremd und unzugänglich erscheinen. Lassen Sie das Gefühl der zeitlichen Distanz und der kulturellen Fremdheit, heute spricht man in akademischen Kreisen auch gern von „Alterität“, aber ganz entspannt auf sich wirken. Um so besser werden Sie anschließend einschätzen können, was für eine Pioniertat Reuchlin vollbracht hat, indem er das Studium des Griechischen und Hebräischen unter oft widrigen Umständen auf sich nahm und nördlich der Alpen erstmalig etablierte. Zu Reuchlins Lebzeiten haben in Westeuropa auch die allermeisten Gelehrten noch keinerlei Zugang zu griechischen, geschweige denn zu hebräischen Handschriften und Drucken gehabt.

Damit die Ausstellung ihre Besucher aber nicht nur befremdet, werden Ihnen im ersten Raum neben grundlegenden Informationen zu Reuchlins Leben einige Impressionen von Bibliotheken der Renaissance vermittelt. Ausgewählt wurden Ansichten von Bibliotheken, die der Humanist selbst aufgesucht hat oder die dem Charakter seiner nachgelassenen Büchersammlung im Anbau der Pforzheimer Schloßkirche nahekommen. Das im ersten Raum ausgestellte gotische Chorpult aus dem 15. Jahrhundert hätte auch Reuchlin als Lesemöbel dienen können. Die Vermutung, daß er darüber so süß geschlummert hätte, wie er es auf einem um 1700 entstandenen Gemälde über einem hebräischen Buch tut, muß aber ins Reich der Spekulation verwiesen werden. Das Stadtmuseum ist gleichwohl sehr stolz, das aus der Universitätsbibliothek Gießen stammende Gemälde nun erstmals im Original in Pforzheim präsentieren zu können. Dank der nach dem Krieg neu aufgebauten Bestände des Pforzheimer Stadtarchivs kann im vierten Raum der Ausstellung eine eindrucksvolle Sammlung von Originalausgaben Reuchlinscher Werke gezeigt werden. Diese Ausgaben sind zwischen 1504 und 1519 bei Reuchlins Drucker und Freund Thomas Anshelm in Pforzheim, Tübingen und Hagenau erschienen und werden von einigen weiteren Drucken ergänzt, welche die enge Zusammenarbeit zwischen Reuchlin und Anshelm dokumentieren.

Der fünfte und letzte Raum der Ausstellung ist dann dem Schicksal von Reuchlins Bibliothek gewidmet und ordnet die in der Ausstellung gezeigten Bücher in einen größeren Sammlungskontext ein. So wird auch deutlich, daß Bibliotheksgeschichte stets sehr eng mit der politischen Geschichte verknüpft ist. Die Wanderung und die Dezimierung von Reuchlins Bibliothek spiegelt mehrere größere Einschnitte und Wunden der badischen, ja der deutsch-französischen Geschichte wider: die Verlegung der badischen Residenz von Pforzheim nach Durlach; die verheerenden Kriege des 17. Jahrhunderts, in deren Verlauf die Durlacher Bibliothek zeitweilig nach Basel oder Straßburg ausgelagert werden mußte; die neuerliche Verlegung der badischen Residenz in das 1715 gegründete Karlsruhe; die Beschießung Straßburgs im Rahmen des deutsch-französischen Krieges 1870, bei der auch Reuchlinsche Handschriften verbrannten; die Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges; und schließlich die mitunter allzu dominanten Marketing-Maximen der Kulturpolitik der Gegenwart.

(3.) Reuchlins ganz besondere Beziehung zum Buch läßt sich schon an der Häufigkeit ablesen, mit der in seinen erhaltenen Briefen von Büchern die Rede ist. Dabei spricht er nicht nur über Bücher, sondern läßt diese auch selbst zu Wort kommen, indem er häufig aus ihnen zitiert. Und so finden sich in seinen Briefen etwa Zitate aus entlegenen Schriften der griechischen Kirchenväter oder aus den in griechischer Sprache verfaßten „Selbstbetrachtungen“ des römischen Kaisers Marcus Aurelius, aus Werken, die mitunter erst Jahrzehnte nach Reuchlins Tod in gedruckter Form erschienen. Auf den fanatischen Vorschlag, die Bücher der Juden zu verbrennen, reagierte Reuchlin in seinem berühmten Gutachten von 1510 bekanntlich mit der Forderung, diese Bücher nicht nur zu erhalten, sondern sie auch näher kennenzulernen und zu katalogisieren, weshalb Saverio Campanini auf dem Pforzheimer Reuchlin-Kongreß von 2002 den Vorschlag machte, Reuchlin auch den Ehrentitel eines „Vaters der hebräischen Literaturgeschichte und hebräischen Bibliographie“ beizulegen. 3

Als 1519 in Württemberg der Krieg tobte, schien Reuchlin manchmal besorgter um seine Bücher als um sein eigenes Leben zu sein. Aus Angst vor Brandschatzung vergrub er seine kostbarsten Handschriften erst in der Erde und versuchte dann vergeblich, sie aus Stuttgart zu seiner Schwester Elisabeth nach Pforzheim zu evakuieren. Als er dann der Pest wegen Ende 1519 ins bayerische Ingolstadt floh und nur einen Teil seiner Bücher mitnehmen konnte, klagte er: „Ich bin nur noch ein halber Mensch, denn ich mußte die Hälfte meiner Bibliothek und somit die Hälfte meiner Seele zu Hause zurücklassen.“ 4

In einem Brief vom März 1520 grenzt der Ravensburger Humanist Michael Hummelberger den zwielichtigen antiken Herrscher von Syrakus, Dionysios II., deutlich von seinem Freund Reuchlin ab: Während jener müßig in Parfümerien und Barbierstuben herumgesessen habe, sei Reuchlin emsig in Schreibstuben und Bibliotheken geschäftig. Während jener bei billigen Huren geschlafen habe, wache und arbeite Reuchlin beim Schein der Lampe inmitten der keuschesten Musen und Grazien. Und während jener sich in üblen Kneipen seinen Leib gefüllt habe, nähre Reuchlin in den Kirchen seine Seele. 5 Dieses verklärte Bild vom frommen und vergeistigten Dichter und Denker inmitten seiner Bücher und im Kreise der Musen dürfte in etwa Reuchlins Selbsteinschätzung entsprochen haben. Und angesichts der Formulierung von den „keuschesten Musen“ (castissimae Musae) können Sie sich jetzt auch denken, warum Reuchlins Gebeine – im Gegensatz zu den sterblichen Überresten von Giovanni Pico und Angelo Poliziano – nicht exhumiert werden müssen, sondern in der Stuttgarter Leonhardskirche weiterhin in Frieden ruhen können.

Schon als noch junger Mann von Mitte dreißig erhielt Reuchlin die Erlaubnis, einige griechische Handschriften auf Lebenszeit aus dem Basler Dominikanerkloster entleihen zu dürfen. Wie aus alten lateinischen Vermerken hervorgeht, kehrten diese Codices nach Reuchlins Tod – und somit nach einer Zeitspanne von mehr als dreißig Jahren – tatsächlich unversehrt zu den Mönchen nach Basel zurück. Sie blieben dadurch bis heute erhalten und können nun in der Pforzheimer Ausstellung gezeigt werden. Selbst ein strenger Mann wie der anfangs zitierte Bibliothekar aus Barcelona hätte somit wohl keine Veranlassung gehabt, dem Bibliotheksbenutzer Reuchlin irgend etwas Böses zu wünschen.

(4.) Und nun zum Abschluß noch ein paar persönliche Bemerkungen. Mit einem Menschen wie Johannes Reuchlin, dessen Leidenschaft Bücher waren, kann man sich wohl nur dann über ein Jahrzehnt lang wissenschaftlich beschäftigen, ohne geistigen Schaden zu nehmen, wenn man diese Passion ein Stück weit teilt. Und so sind denn nach nunmehr 13 Jahren Reuchlin-Forschungsstelle einige meiner lebhaftesten und freudigsten Erinnerungen in der Tat ganz eng mit Reuchlins Büchern verknüpft. Dazu nur zwei Beispiele: Am 13. Juni 2005 erhielt ich aus Basel eine e-mail von einem jungen Sammler. Dieser hatte auf einer Internetauktion ein Exemplar von Reuchlins 1519 gedruckter Übersetzung der Schrift „De variis quaestionibus“ ersteigert, auf dessen Titelseite sich ein handschriftliches Widmungsgedicht befand. Die Anfrage des Sammlers war nun, ob dieses lateinische Gedicht von Reuchlin stammen könnte. Da ich erst wenige Tage zuvor einen Brief bearbeitet hatte, in welchem Reuchlin gerade dieses Widmungsgedicht vollständig zitiert und die näheren Umstände der Schenkung des Buches schildert, konnte ich die Anfrage umgehend positiv beantworten: Bei dem Eintrag handelte es sich um Reuchlins eigenhändige Widmung für Christoph von Schwarzenberg, den damaligen Statthalter des Schwäbischen Bundes im besetzten Stuttgart. Der Sammler war natürlich begeistert und deutete an, das wertvolle Buch nicht behalten, sondern auf der nächsten großen antiquarischen Herbstauktion wieder versteigern lassen zu wollen. Da seit Jahrzehnten kein Reuchlin-Autograph mehr im Handel war, hätte der Preis des Buches dadurch in astronomische Höhen steigen können, so daß ich den Sammler noch am Abend des 13. Juni bat, das Buch doch zunächst einmal der Stadt Pforzheim zum Kauf anzubieten. Und dann ging alles Schlag auf Schlag: Bereits einen Tag später, am 14. Juni, wurde das Buch von Dr. Alfred Hübner in Augenschein genommen, der damals ganz zufällig dienstlich in Basel zu tun hatte; wir holten weitere Expertisen ein und nahmen die Handschrift nochmals genau unter die Lupe; ein Kaufpreis wurde ausgehandelt; im Kulturamt wurde fieberhaft nach Finanzierungsmöglichkeiten und Sponsoren gesucht; am 22. Juni war der Ankauf dann beschlossene Sache; und am 15. Juli 2005 habe ich das Buch schließlich auf dem Karlsruher Bahnhofsvorplatz in Empfang nehmen dürfen. Im vierten Raum der Ausstellung können Sie es jetzt unter der Ordnungsnummer 39 [= Katalog, Nr. C 14] betrachten.

Und noch eine weitere Buchgeschichte: Aus Anlaß von Reuchlins 550sten Geburtsjahr wurde im November 2005 in der renommierten „Bibliotheca Philosophica Hermetica“ in Amsterdam die Ausstellung „Johann Reuchlin and the Kabbalah“ eröffnet, an der auch das Stadtarchiv Pforzheim mit seinem Exemplar des „Augenspiegel“ beteiligt war. Im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung hatte sich ein intensiver Kontakt zwischen der zuständigen Amsterdamer Bibliothekarin und Kuratorin Dr. Cis van Heertum und unserer Forschungsstelle ergeben, so daß ich an einem Wochenende nach Amsterdam reiste und mir neben der Ausstellung selbst auch die Bibliothek anschauen konnte. Bei diesem Besuch hatte ich überdies noch Gelegenheit, den äußerst sympathischen und beeindruckend weltläufigen niederländischen Zweig der Familie Reuchlin näher kennenzulernen, der die Amsterdamer Ausstellung damals zu einem Familientreffen nutzte. Die „Bibliotheca Philosophica Hermetica“ ist übrigens das Lebenswerk von Joost Ritman, einem Amsterdamer Rosenkreuzer, sehr erfolgreichen Geschäftsmann und begeisterten Bibliophilen, der auch in Martin Walsers Skandalroman „Tod eines Kritikers“ vorkommt.

Kurze Zeit nach dem Ende jener Ausstellung bekam ich von Frau van Heertum eine e-mail, in der sie mir mitteilte, daß die Amsterdamer Bibliothek gerade ein altes Exemplar von Reuchlins hebräischem Lehrbuch „De rudimentis Hebraicis“ angekauft habe. Und in diesem Exemplar gebe es einen alten lateinischen Eintrag, der in deutscher Übersetzung wie folgt lautet: „Der ehrwürdige Pater Wolfgang, Propst in Ro[h]r, hat mir dieses Buch geschenkt.“ Dieser Hinweis hat mich damals geradezu elektrisiert, denn ich wußte sofort, um welches Buch es sich handelte: Um jenes Exemplar, das Reuchlins Briefpartner Wolfgang Haimstöckl, der Propst des regulierten Augustiner-Chorherrenstiftes Rohr (südlich von Regensburg), im Juni 1506 an seinen Freund Kilian Leib, den Prior des Klosters Rebdorf, geschickt hatte. Eine erläuternde Anmerkung in unserem 1999 erschienenen ersten Band von Reuchlins Briefwechsel läßt an dieser Identifizierung keinen Zweifel. Damals hatte ich zwei Empfindungen: 1. Bücher haben nicht nur ein Schicksal, sondern besitzen auch ein Leben, das weit über dasjenige ihrer vormaligen Besitzer hinausreicht. Und 2. Die langjährige Arbeit an Reuchlins Briefwechsel kann so sinnlos nicht gewesen sein, wenn die neue Briefausgabe bei Zufallsfunden so präzise Nachweise ermöglicht.

Schließen möchte ich nun mit den Worten des amerikanischen Buchdruckers und Universalgenies Benjamin Franklin, der wie Reuchlin an die Unsterblichkeit der Seele glaubte. Seinen Glauben an die Auferstehung von den Toten kleidete er 1729 in einem selbstverfaßten Epitaph in die Metapher des Buches, eine Metapher, die sicher auch Reuchlin gefallen hätte:

„Der Leib von / B[enjamin] Franklin, Drucker, / Liegt hier, Würmerfraß, / Wie der Einband eines alten Buches, / Dessen Inhalt weggerissen ist, / Beraubt der Lettern und der Goldprägung. / Doch das Werk ist nicht verloren; / Denn einstmals wird es, wie er glaubte, / Noch einmal herausgegeben / In einer neuen und schöneren Edition, / Berichtigt und verbessert / Von seinem Schöpfer.“ 6

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Ausstellungen wie diese sind stets das Werk vieler Köpfe und Hände. Einigen Institutionen und Personen hat Herr Bürgermeister Hager bereits gedankt. Ich möchte noch meinen Dank an Magdalena Liedtke, Monika Falk, Radegunde Lehr, Klaus Haag und Horst Frisch anknüpfen, ohne deren Sachkenntnis, feines ästhetisches Empfinden und Engagement die Exponate nicht so eindrucksvoll hätten präsentiert werden können.
1 Mit leichten Kürzungen zitiert nach Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens, Berlin 1998, S. 285.

2 Vgl. den Artikel „Syphilis oder Gift? Italiens Polizei untersucht Todesfälle aus der Zeit der Medici“ von Birgit Schönau, in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 174, 31.7.2007, S. 16 (Wissen).

3 Vgl. Saverio Campanini: Wege in die Stadt der Bücher, in: Reuchlin und seine Erben, hrsg. von Peter Schäfer und Irina Wandrey, Ostfildern 2005 (= Pforzheimer Reuchlinschriften 11), S. 62f.

4 Vgl. RBW, Bd. 4, Ep. 371.

5 Vgl. RBW, Bd. 4, Ep. 384.

6 Zitiert nach Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens, Berlin 1998, S. 201.


Bild links: Außenansicht des Reuchlinkollegs (Vorkriegszustand)
Bild rechts: Bibliotheksraum im St. Nikolaus-Hospital, Bernkastel-Kues


Reuchlins hebäischer Bibelcodex (BLB Karlsruhe, Codec Reuchlin 1)


Bild links: Beginn des Buches Richter aus Reuchlins hebräischer Prachtbibel
Bild rechts: Der Evangelist Johannes, Miniatur aus Reuchlins griechischem Codex des Neuen Testaments


Aus Reuchlins Briefwechsel


Reuchlins Widmungsgedicht für Christoph von Schwarzenberg

Mit freundlicher Genehmigung:
Die Abbildungen sind dem im Verlag Regionalkultur erschienen Ausstellungskatalog entnommen: Johannes Reuchlins Bibliothek gestern & heute. Schätze und Schicksal einer Büchersammlung der Renaissance, bearbeitet von Matthias Dall’Asta und Gerald Dörner, hrsg. von Isabel Greschat, Heidelberg/Ubstadt-Weiher/Basel 2007, S. 26, 70, 83, 90, 92, 96 und 111

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